Schweinswale – Der kleine Wal und sein Turbohirn

Die letzten Schweinswale in der Ostsee sind durch Fischfangnetze bedroht. Forscher wollen die Tiere gezielt vor der Gefahr warnen. Bei ihren Experimenten kam Erstaunliches heraus.

Wal-Trainerin Sabina Hansen hockt sich an den Rand des Hafenbeckens von Kerteminde und schaut auffordernd ihre Kollegin Meike Linnenschmidt an, die drei Meter neben ihr steht. Hansen greift in ihren Eimer und zückt einen weißen Halbmond. Sie klemmt das Symbol an die Hafenmauer. Sofort taucht ein kleiner meergrauer Wal aus dem Wasser auf und schwimmt auf den Halbmond zu – sein persönliches Logo. Hansen begrüßt den Wal mit einem Fisch und setzt ihm Kappen auf die Augen. Der Wal lässt alles ruhig geschehen und wartet. Dann streichelt Hansen seinen Kopf mit einer kreisförmigen Bewegung. Das ist das Zeichen: Es geht los. Linnenschmidt hält zwei Bälle ins Wasser: einen aus Aluminium und einen aus Plastik. Sie sind mit Schnüren an einem Brett befestigt. Der Wal schwimmt los und steuert zielsicher „seinen“ Ball an – den aus Aluminium. Ein kurzer Pfiff von Hansen bedeutet für den Wal: Alles richtig gemacht. Zur Belohnung gibt es Fisch.

Der kleine Wal, der blind seine Umwelt so genau erkennt, ist ein Schweinswal namens Sif. Schweinswale sind ungewöhnliche Wale. Sie leben in einer Umwelt, die lauter und abwechslungsreicher ist als die vieler anderer Wal-Arten. Trotzdem sind sie bei der Orientierung auf ihr Gehör angewiesen, denn sie leben in trüben Gewässern. Sie haben deshalb Tricks entwickelt, die wahrscheinlich kein anderer Wal beherrscht – und die so komplex sind, dass Forscher sich fragen, wie das Wal-Gehirn sie verarbeiten kann. Trotzdem sind die kleinen Meeressäuger bedroht, denn auf den Menschen hat sie die Evolution nicht vorbereitet.

Sif ist sechs Jahre alt und lebt mit drei Artgenossen im dänischen Informationszentrum Fjord og Bælt (Fjord und Belt) in Kerteminde, das zur Universität von Süddänemark (SDU) in Odense gehört. Schweinswale sind die typischen Wale der deutschen und dänischen Gewässer, und doch sieht sie außer Biologen, Fischern und Seglern selten jemand. Selbst viele Küstenbewohner kennen die Tiere nicht. „Es ist ganz erstaunlich“, sagt Magnus Wahlberg, Projektleiter der Kerteminder Wal-Forscher und Associate Professor an der SDU. „Der Schweinswal ist eines unserer größten Säugetiere, und doch wissen selbst wir Forscher nur sehr wenig über ihn.“ Zusammen mit deutschen Kollegen ist er dabei, das zu ändern. Was die Forscher treibt, ist nicht nur wissenschaftliche Neugier. Denn für einen Teil der Ostsee-Bestände des Gewöhnlichen Schweinswals (Phocoena phocoena) – auch Kleiner Tümmler genannt – geht es um die nackte Existenz. Sie sind so stark zurückgegangen, dass den Tieren ohne wissenschaftlichen Beistand das Aussterben droht.

Noch Anfang des 20. Jahrhunderts lebten die Meeressäuger bis hinauf vor den Küsten Finnlands. Heute gibt es östlich von Rügen nur noch ein paar Hundert Tiere. Ein Grund für diesen Rückgang war zunächst die extreme Verschmutzung der Ostsee. Bis zum Zusammenbruch der kommunistischen Regime wurden fast alle Abwässer der UdSSR und Polens ungeklärt in die Ostsee geleitet. Heute bedroht vor allem die Fischerei die Schweinswale. Sie sind Küstenbewohner, die im flachen Wasser jagen. Genau hier aber positionieren Fischer ihre Stellnetze aus feinem Nylon. Weil die Wale diese Netze nicht erkennen können, verheddern sie sich darin – und ertrinken. Denn wie alle Säugetiere müssen Schweinswale atmen – und dazu regelmäßig auftauchen.

7000 Wale verenden in Netzen

Wie bedrohlich die Netze sind, zeigen Hochrechnungen des Dänischen Umweltministeriums: Danach kommen jedes Jahr allein in dänischen Gewässern etwa 7000 Wale in Netzen um. Eine erschreckend hohe Zahl, denn in der Ostsee gibt es nach den letzten Zählungen nur noch etwa 13 600 Schweinswale. Besser ist es in der Nordsee: Dort leben noch 230 000 Tiere. Doch wie deren Zukunft aussieht, kann kein Forscher sagen. Dazu weiß man zu wenig über das, was im trüben Wasser geschieht. Ähnlich steht es um viele der insgesamt über 70 Wal-Arten. Man kennt die Biologie und die Bestandszahlen kaum. 1997 wurden Schweinswale zum ersten Mal in einer gemeinsamen Aktion in mehreren europäischen Ländern gezählt, 2007 zum zweiten Mal. Tendenz: insgesamt abnehmend. Und: In der Nordsee haben sich die Bestände nach Süden verlagert …

Dies ist ein Artikelauszug. Den vollständigen Beitrag finden Sie in bild der wissenschaft 07/2007 oder setzen sich mit uns in Verbindung.

Fotos: Solvin Zankl (www.solvinzankl.com)

Beobachten Sie Schweinswale in der Natur: Schweinswale sind meerfarben, ihre Rückenflosse hat die Höhe einer durchschnittlichen Ostseewelle. Daher kann man sie fast nur bei ruhiger See beobachten. Am besten geht das von Bord eines Segelboots aus, da die Wale Motorenlärm nicht mögen und vor lauten Booten fliehen. Man findet sie in Deutschland vor allem in der westlichen Ostsee und vor den Nordfriesischen Inseln, in Dänemark an der gesamten Küste. Die größten Vorkommen sind rund um die Insel Fünen. An drei Orten kommen Schweinswale regelmäßig so dicht ans Land, dass man sie von dort aus gut beobachten kann:auf der Insel Sylt, zum Beispiel vor Westerland, im Naturschutzgebiet Fyns Hoved im Nordosten Fünens, am Leuchtturm nahe Strip im Kleinen Belt bei Middelfart.

Beobachten in Fjord og Bælt: Das Informationszentrum auf der dänischen Insel Fünen ist die einzige Einrichtung in Europa, in der man immer Schweinswale unter naturnahen Bedingungen sehen kann. Sie bietet Aquarien und eine sehr informative und gut präsentierte Ausstellung über das Meer, mit vielen Möglichkeiten zum Mitmachen und Ausprobieren für alle Altersgruppen. Die Erklärungen sind auch auf Deutsch verfasst. Im Außenbereich wurde ein Teil des Hafenbeckens abgetrennt, hier leben Seehunde und vier Schweinswale. Die täglich fünf Trainings- und Fütterungseinheiten sind teilweise öffentlich. Mit etwas Glück kann man die Forscher bei ihren Experimenten beobachten. Mehr Informationen unter unter www.fjord-baelt.dk

Beobachtungen melden: Wenn Sie auf See Schweinswale gesichtet haben, geben Sie die Daten bitte weiter zur wissenschaftlichen Auswertung. Online-Meldebögen gibt es beim Meeresmuseum Stralsund.

Ozeaneum: Hintergründe zur Ökologie der Ostsee und zu Schweinswale, sowie eindrucksvolle Aquarien und Ausstellungen bietet das neue Meereskunde- und Forschungsmuseum OZEANEUM in Stralsund. Mehr Informationen: www.ozeaneum.de

Dieser Artikel inspirierte viele Kollegen von Print und Fernsehen  zu eigenen Beiträgen zum Thema Schweinswale und Fjord & Belt. Er verschaffte dem Zentrum ein bis dahin unbekannte Medienaufmerksamkeit. Ein Beispiel finden Sie in DER SPIEGEL 37/7.9.09; S. 128f. in der englischsprachigen Ausgabe.