Parasiten - Partner fürs Leben

Stellen Sie sich vor, Sie ziehen in ein neues Haus ein. Sie bezahlen keine Miete. Alle Räume sind Speisekammern, und obwohl sie davon essen, sind sie auf wundersame Weise immer gut gefüllt. Eine herrliche Vorstellung, wenn da bloß nicht der Hauswirt wäre, der Sie ständig verfolgt und versucht Sie umzubringen. Gut, Sie haben ihm vielleicht etwas von seinen Geschlechtsorganen abgebissen oder seine Leber verwüstet, aber ist das ein Grund Ihnen seltsam geformte Killer auf den Hals zu hetzen? Oder sie mit Beuteln zu bewerfen, die mit ätzenden Flüssigkeiten gefüllt sind?

In jedem Fall: Sie tarnen sich, Sie wehren sich – und knabbern weiter, aber alles mit Bedacht, denn schließlich wollen Sie den Wirt nicht umbringen. Er soll Sie ja noch lange, lange ernähren.

Was für einen menschlichen Betrachter ausgesprochen ungemütlich erschienen mag, ist für viele Organismen der Lebenstil der Wahl. Ein Lebensstil mit weitreichenden Konsequenzen: Sacculina aus der Nordsee ist eigentlich ein Krebs – ein Wurzelkrebs – und ihre Vorfahren haben vor Urzeiten bestimmt auch einmal so ausgesehen, wie man sich einen Krebs vorstellt. Heute besteht Sacculina nur noch aus ihrer Gebärmutter und einem fädigen Gespinnst – vom Aussehen her wie ein Wurzelgeflecht. Mit ihm wuchert sie als Parasit in anderen Krebsen. Ohne Beine, ohne Augen, ohne Maul, ohne Gehirn – aber erfolgreich im Kampf ums Dasein. „Die Wurzelkrebse machen aus ihren Wirten willenlose Roboter, die nur noch für ihre Parasiten leben“,sagt Jens Høeg, Zoologe an der Universität Kopenhagen, „sie kastrieren die Wirtskrebse und traktieren sie dann mit ihren eigenen Hormonen, damit sie sich um den Parasitennachwuchs kümmern, als ob es ihr eigener wäre.“

Sacculina liegt mit ihrem Verhalten – evolutionär gesehen – voll im Trend, denn Parasitismus ist der Lebensstil auf dieser Welt. Es gibt wahrscheinlich mehr Parasiten als Nicht-Parasiten. Unzählige Einzeller, Tiere, Pflanzen und Pilze haben sich ihm verschrieben. Flöhe, Läuse und Bandwürmer sind die bekanntesten Vertreter dieser Gruppe, deren Vielfalt und Anpassungsfähigkeit die Wissenschaftler immer wieder erstaunt. Doch nicht nur die Schmarotzer haben sich dieser Lebensweise angepaßt, auch ihre Wirte haben sich überraschend verändert. Das Phänomen Parasitismus hat den Menschen und das gesamte Leben auf diesem Planeten entscheidend geprägt.

Dies ist ein Artikelauszug. Den vollständigen Beitrag finden Sie im GEO Magazin Nr. 10/97 oder setzen sich mit uns in Verbindung.

Fotos: Oliver Meckes & Nicole Ottawa (www.eyeofscience.com)