Alles nur geklaut

Kleptomanie ist der Lebensstil einiger Meeresschnecken. Sie beklauen Tiere und Pflanzen um ihre kostbarsten Schätze. Jetzt haben Forscher auch die Geheimnisse ihres größten Coups gelöst.

Für den jungen unerfahrenen Riffbarsch sah die bunte Schnecke mit den orangen Ästen am Hinterteil ganz appetitlich aus. Er umrundet sie ein paar Mal und biss ihr schließlich in die Seite. Das hätte er besser sein gelassen. Widerwärtiger Geschmack breitete sich in seinem Maul aus, die Lippen brannten wie Feuer. Blitzschnell spuckte der Fisch das kleine Stück Schneckenfleisch wieder aus und flüchtete vor diesem übermächtigen Gegner.

Der Sieger des Wettkampfs war eine Meeresnacktschnecke, eine Sternschnecke. Ihre Waffe war Gift. Das ist in einem Meeresriff nichts ungewöhnliches – wer in diesem dicht bewachsenen Biotop einen der knappen Plätze behalten möchte, hat oft gar keine andere Chance, als seinen Nachbarn zu vergiften –, aber die Methode, mit der die Schnecke ihre gefährlichen Chemikalien bekommen hat, ist nicht alltäglich: Sie hat das Gift geklaut.

Mit dieser Art der Wirkstoffbeschaffung steht die Sternschnecke nicht allein, sie ist Mitglied einer Familie von Meisterdieben mit etwa 6000 Arten – den Hinterkiemern, so genannt weil sie ihre meist knallbunten Atemorgane am Hinterteil tragen – das ist sogar in einem Korallenriff mit all seinem Formenreichtum exzentrisch.

Die Meeresschnecken belassen es nicht beim Chemikalienraub. Sie nehmen alles, was nicht und nagelfest und für sie von Nutzen ist: von Bio-Bomben bis hin zu kompletten Stoffwechselfabriken, die es ihnen ermöglichen

Gift ist der Mittelpunkt im Leben der Sternschnecken. Das beginnt bei ihrer Beute, den Meeresschwämmen. Da diese Tiere weder weglaufen noch einen Angreifer beißen oder treten können, brauchen sie andere Methoden der Selbstverteidigung: Sie sind so giftig, dass sie fast keine Fressfeinde haben – außer den Meeresschnecken. Die vertragen die aggressiven Chemikalien nicht nur, sondern sammeln sie und machen sie teilweise sogar noch giftiger. „Mit kleinen chemischen Modifikationen wie der Umwandlung wie der Acetyl-Gruppe in eine OH-Gruppe können sie die Giftwirkung auf mehr als das zehnfache steigern“, sagt Heike Wägele, Zoologin an der Universität Bonn und Expertin für die Evolution der Opisthobranchia, wie die Hinterkiemer von den Forschern genannt werden. Die Sternschnecken lagern die Gifte in Vakuolen, großen Zellsäcken im Saum ihres „Mantels“, dem umhangartigen Oberkörper der Tiere. Kräftige Muskeln umhüllen diese Chemikalienlager, um den Inhalt im Falle eines Angriffs dem Gegner ins Maul zu schießen.

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Fotos: Solvin Zankl